Frankreich: Europas V2G-Vorreiter
Frankreich hat ein stark zentralisiertes Energiesystem, das von wenigen großen Akteuren dominiert wird. Dadurch sind Entscheidungen und Innovationen wie V2G leichter umzusetzen, weil weit weniger Abstimmungsbedarf zwischen verschiedenen Netzbetreibern besteht als in Ländern mit dezentralen Strukturen.
Fundament für bidirektionales Laden
Bereits Mitte der 2010er-Jahre startete Frankreich den Smart Meter-Rollout und schuf damit ideale Rahmenbedingungen für bidirektionales Laden. Auch variable Stromtarife und variable sowie saisonale Netzentgelte sind laut FfE dort üblich.
Regulatorisch hat das Land die Weichen früh gestellt: Für die ins Netz zurückgespeiste Energie fallen zwar Netzentgelte an, jedoch werden Steuern in Höhe von 115 % der rückgespeisten Energiemenge erstattet. Das gleicht die Round-Trip-Verluste durch den Lade- und Entladevorgang aus. Einfach gesagt: Wer Strom aus dem Elektroauto zurück ins Netz einspeist, bekommt in Frankreich sogar etwas mehr Steuern zurück, als er für diese Strommenge ursprünglich bezahlt hat. Das senkt die erforderliche Preisdifferenz für ein profitables V2G-Geschäftsmodell erheblich.
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Von der Pilotierung zum kommerziellen Angebot
In Frankreich starteten schon ab 2018 mehrere V2G-Pilotprojekte. Die Regierung sah V2G früh als Baustein der Netzstabilität. Enge Kooperationen zwischen Energieversorgern und Fahrzeugherstellern – allen voran Renault, die früh V2G-fähige Fahrzeuge und Ladeinfrastruktur entwickelten – beschleunigten die Produktentwicklung zusätzlich.
Frankreich war konsequenterweise das erste Land weltweit, das die Vehicle-to-Grid-Technologie für Elektroautofahrer:innen kommerziell zugänglich machte: Im Oktober 2024 starteten die Renault Group, Mobilize und The Mobility House ein V2G-Angebot, das es Besitzer:innen eines Renault 5 ermöglicht, ihr Fahrzeug bidirektional zu laden und überschüssige Energie ins Netz zurückzuspeisen. Möglich wird dies durch die bidirektionale AC-Ladestation PowerBox Verso und einen speziellen Energievertrag. Die Vorteile für Kund:innen sind deutlich: Bei rund 14 Stunden täglicher Netzanbindung sparen sie bis zu 600 Euro pro Jahr und fahren damit bis zu 10.000 Kilometer im Jahr kostenlos.
Ausblick
Noch ist V2G in Frankreich ein Nischenmarkt. Da das Land aufgrund des hohen Anteils an Atomstrom weniger Druck auf das Energiesystem verspürt als Länder mit höherer Stromgeneration durch erneuerbare Energien, hat die flächendeckende Umsetzung von V2G staatlich wenig Priorität. Entwicklungen gehen primär von der Automobilbranche und Energieversorgern aus.
Großbritannien: Fokus auf Flexibilität
Eine gänzlich andere Ausgangssituation als Frankreich hat Großbritannien: Bis 2030 sollen dort mehrere Kernkraftwerke vom Netz gehen, und als Insel ist das Land weniger gut an das europäische Stromnetz angebunden. Deshalb hat Flexibilität in der Energieversorgung hohe Priorität für die Regierung.
V2G-Fundament ist gelegt
Smart Meter sind auf der Insel deutlich weiter verbreitet als in Deutschland: Mindestens zwei Drittel der Haushalte verfügen über ein solch intelligentes Messsystem. Variable und dynamische Stromtarife sind etabliert, auch wenn sie noch nicht flächendeckend genutzt werden. Die technische Basis für bidirektionales Laden ist damit vorhanden.
Großbritannien erfüllt als eines von drei europäischen Ländern – neben Frankreich und den Niederlanden – alle regulatorischen Voraussetzungen für V2G. Entsprechend gibt es dort von Octopus Energy eines der weltweit ersten kommerziellen V2G-Angebote für Privatkund:innen.
Von Pilotprojekten zur Kommerzialisierung
Großbritannien erkannte das Potenzial von V2G früh: Schon 2017 stellte die Regierung 20 Millionen Pfund für Forschung und Erprobung der Technologie bereit. Im selben Jahr kündigten Nissan und OVO ein erstes V2G-Angebot für Besitzer:innen des Leaf an, mit Einsparungen, die laut OVO die jährlichen Ladekosten von rund 350 bis 400 Pfund vollständig decken sollten. Auch die Regulierungsbehörde Ofgem trieb das Thema voran und legte bereits im September 2021 einen Plan vor, um Fahrer:innen den Verkauf gespeicherter Energie zurück ins Netz zu erleichtern.
Dennoch ist es bis heute nicht ganz einfach, V2G weit zu verbreiten. Ein Grund dafür ist der hohe Aufwand für die Zulassung von Ladesystemen mit mehr als 3,5 kW Leistung. Diese müssen strenge technische Vorgaben erfüllen.
Die weitere Entwicklung kann aber davon profitieren, dass es in Großbritannien bereits ein einheitliches Verfahren für den Netzanschluss zertifizierter Ladesysteme gibt und dass Nutzer:innen immer mehr Erfahrung mit flexiblen Stromtarifen sammeln.
Deutschland: Durchbruch mit offenen Baustellen
In Deutschland wurde im November 2025 ein wichtiger Meilenstein erreicht: Nach jahrelangen Diskussionen beschloss der Bundestag eine Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG), die die doppelte Netzentgeltproblematik für zwischengespeicherte und zurückgespeiste Energie beendet. Das ist ein großer Schritt für die wirtschaftliche Rentabilität von bidirektionalem Laden.
Ab 1. Oktober 2026 tritt zudem die MiSpeL-Festlegung der Bundesnetzagentur in Kraft, die u. a. Einkünfte durch Stromeinspeisung ins Netz sowie eine simplere Abrechnung ermöglicht.
Vieles hängt in Deutschland jedoch auch am Smart Meter Rollout: Mit bisher unter 10 % eingebaute Geräte ist noch keine großflächige Nutzung kleinteiliger Flexibilität möglich.
Automobilbranche als Treiber
Trotz dieser Hürden ist die Dynamik auf Fahrzeugseite hoch: Alle deutschen Automobilhersteller haben V2G live oder im Roll-out, Mercedes Benz und die Volkswagen-Tochter Elli etwa kooperieren dabei mit The Mobility House Energy.
Dass die Technik in Deutschland längst praxistauglich ist, zeigt ein frühes Leuchtturmprojekt: Das weltweit erste kommerziell funktionierende V2G-Projekt wurde 2018 in Hagen realisiert. Ein Nissan LEAF wurde dort nach ENTSO-E-Richtlinien für die Primärregelleistung präqualifiziert, verdiente durch das Trading von The Mobility House Energy Geld und stabilisierte zugleich die Netzfrequenz.
Die technischen Herausforderungen sind weitgehend gelöst. Die hohe Anzahl an Verteilnetzbetreibern erschwert zwar die einheitliche Umsetzung im Vergleich zu zentralistisch strukturierten Ländern wie Frankreich, doch mit den gesetzlichen Weichenstellungen der Jahre 2025 und 2026 hat Deutschland den Rückstand spürbar verkleinert.
Die Politik muss nun die beschlossenen Regeln zügig in die Praxis überführen, insbesondere die Gleichstellung bei der Stromsteuer, den Smart-Meter-Rollout und die marktgestützte Flexibilitätsbeschaffung.

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Niederlande: V2G ausgiebig erprobt
Gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien zählen die Niederlande laut IEA zu den drei europäischen Ländern, in denen alle notwendigen Voraussetzungen für V2G erfüllt sind und kommerzielle Angebote verfügbar sind.
Die Technologie wurde in der Vergangenheit an mehreren Standorten getestet. Ein Leuchtturmprojekt ist die Amsterdamer Johan Cruijff ArenA: Seit 2019 läuft dort unter Mitwirkung von The Mobility House ein Projekt, bei dem an den vorhandenen 3-Megawatt-Batteriespeichern (bestehend aus 148 Nissan-LEAF-Batterien) und der 1-Megawatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach der Arena ein bidirektionales Fahrzeug verbunden ist. Unsere intelligente Softwaresteuerung ermöglicht es, dass Elektroautos der Stadion-Besucher:innen nicht nur Strom über die Ladestation beziehen, sondern diesen im Verlauf des Aufenthalts intelligent gesteuert auch wieder an das Stadion abgeben können.esucher:innen nicht nur Strom über die Ladestation beziehen, sondern diesen im Verlauf des Aufenthalts intelligent gesteuert auch wieder an das Stadion abgeben können.
Vom Pilotprojekt zur kommerziellen Umsetzung
Den Sprung vom Pilotprojekt zur kommerziellen Umsetzung markiert Utrecht: Seit Juni 2025 läuft dort Europas erstes großflächiges V2G-Carsharing. Den Auftakt machen 50 bidirektionale Renault 5 E-Tech Électrique mit Mobilize-V2G-Technologie; der Ausbau auf bis zu 500 Fahrzeuge ist bereits geplant. Die geteilten Fahrzeuge speichern überschüssigen Solarstrom und speisen ihn zu Spitzenzeiten zurück ins Netz. Im Vollausbau könnten sie bis zu 10 Prozent der Flexibilität decken, die die Region zum Ausgleich von Solar- und Windstrom benötigt.
Ausblick
Trotz dieser Fortschritte steckt die flächendeckende kommerzielle Umsetzung von V2G noch in der Entwicklungsphase. Die Pionierprojekte in Utrecht und Amsterdam zeigen jedoch, dass die Niederlande den Sprung vom Testbetrieb in den Alltag konsequent angehen.
Japan: In der Testphase
Japans Vehicle-to-Grid-Markt hat in den letzten Jahren stark an Fahrt gewonnen, angetrieben durch das Engagement des Landes für nachhaltige Energielösungen sowie die wachsende Bedeutung von Elektrofahrzeugen. Die Entwicklung verläuft jedoch zweigeteilt: Vehicle-to-Home (V2H) ist in Japan bereits kommerziell verfügbar, während sich V2G noch in der Testphase befindet. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine flächendeckende Implementierung von V2G werden derzeit weiterentwickelt.
Nissan als zentraler Akteur
Ein wichtiger Akteur auf dem japanischen V2G-Markt ist Nissan. Das Automobilunternehmen steht an der Spitze der EV-Innovation und hat V2G-Funktionen in seine Elektrofahrzeuge wie den LEAF integriert. Es hat sich an Pilotprojekten und Kooperationen mit Versorgungsunternehmen beteiligt, um V2G-Technologien zu testen und zu implementieren.
Pilotprojekte
Bereits 2018 starteten Toyota Tsusho und Chubu Electric Power in Zusammenarbeit mit Nuvve das erste V2G-Projekt in Japan. Ziel war es, mittels bidirektionalem Laden das Gleichgewicht von Stromangebot und -nachfrage im Netz zu untersuchen.
2025 hat die Energietechnologie-Plattform Kaluza ihre Partnerschaft mit Mitsubishi ausgeweitet und das landesweit erste V2G-Demonstrationsprojekt im privaten Wohnbereich gestartet.
USA: Fortschritt Staat für Staat
In den USA wird V2G hauptsächlich in Pilotprojekten und Forschungsinitiativen getestet, aber die Dynamik nimmt zu. Regulatorisch ist das Bild ein Flickenteppich: Einheitliche nationale Richtlinien fehlen, doch einzelne Bundesstaaten gehen voran. In Massachusetts, Kalifornien, Maryland und Vermont ist die V2G-Regulierung bereits umgesetzt, in New York ist sie in Arbeit.
Der US-amerikanische Autohersteller General Motors hat im Juni 2025 ein Software-Update veröffentlicht, das bidirektionales Laden für eine Elektromodelle ermöglicht. Hardware-seitig unterstützen die Wagen diese Technologie bereits.
Australien: Mit Roadmap zum Roll-out
Jahrzehntelang wurde das australische Stromsystem von Kohle dominiert. Seit einiger Zeit baut das Land jedoch massiv erneuerbare Energien aus. Mit diesem Wandel wächst der Bedarf an Flexibilität. Australien rechnet zudem bis 2035 mit acht Millionen Elektroautos.
Nationale Roadmap als Fahrplan
2024 veröffentlichten die Australian Renewable Energy Agency (ARENA) und dem Forschungszentrum Race for 2030 die National Roadmap for Bidirectional EV Charging. Dieser Leitfaden zeigt auf, wie V2G in Australien Realität werden kann. Darin werden 18 Maßnahmen vorgeschlagen, darunter die Gründung des Vehicle-Grid Networks. Dieses Kollaborationsnetzwerk wird von ARENA, Race for 2030 CRC und Branchenpartnern finanziert und hat zum Ziel, den V2G-Roll-out in Australien zu beschleunigen.
Pilotprojekte auf dem Weg zu kommerziellen Angeboten
Australien hat V2G bereits in mehreren Pilotprojekten getestet, darunter:
- Ab September 2024 ein zwölfmonatiges Projekt des Energieversorgers Horizon Power im Bundesstaat Western Australia.
- Ein Jahr später startete der Gas- und Elektrizitätsversorger AGL Energy einen zwölfmonatigen Test mit den Herstellern Hyundai, Kia, BYD und Zeekr, an dem 100 Teilnehmer:innen in vier Bundesstaaten teilnehmen.
- 2025 folgte ebenfalls der Energieversorger Origin Energy mit 50 Kund:innen, ausgestattet mit BYD-Fahrzeugen und StarCharge-Wallboxen.
- Bei einem weiteren Test von Stromversorger Amber Electric übernahm Autohersteller BYD die Batterie-Garantie für 50 teilnehmenden Fahrzeuge.
Den größten Schub bringt jedoch Amber Electric: Ab November 2025 installierte der Energieversorger in den Bundesstaaten in New South Wales und South Australia die fünfzig ersten bidirektionalen Wallboxen Australiens im Wohnbereich. Für das Programm werden verschiedene Wallboxen und Ladestandards eingesetzt, die Fahrzeuge nutzen den in Australien üblichen CCS2-Anschluss. Die Resonanz war groß: 6.000 Menschen bekundeten ihr Interesse an einer Teilnahme.
Im Juni 2026 kündigte Amber die Ausweitung auf 1.000 Haushalte an. Das Pilotprojekt wird von ARENA mit insgesamt 16,8 Millionen AU$ (entspricht etwa 10,3 Millionen Euro).
Im Juni 2026 konnte Hyundai mit einem IONIQ 9 zum ersten Mal eine V2G-Entladung in Australien nach dem internationalen Standard für bidirektionales Laden ISO 15118-20 durchführen
Ausblick
Sowohl Amber Electric als auch AGL Energy planen für 2026 kommerzielle V2G-Angebote. Amber Electric hat dafür bereits rund 4.000 registrierte Interessent:innen.
Mit nationaler Roadmap, etabliertem Kollaborationsnetzwerk und mehreren parallelen Pilotprojekten sind die Voraussetzungen für einen beschleunigten V2G-Hochlauf in Australien gelegt.
Fazit: V2G ist marktreif, jetzt zählt die Umsetzung
Der Blick auf die europäischen und internationalen Märkte zeigt: Die Technik für Vehicle-to-Grid ist weitgehend ausgereift, die regulatorischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich jedoch deutlich.
Unabhängig vom jeweiligen Reifegrad gilt in allen Ländern gleichermaßen: Die Vermarktung am Spotmarkt mit bidirektional ladefähigen Elektrofahrzeugen bietet attraktive Erlöse und ist vergleichsweise einfach zu standardisieren.
Für die Umsetzung sind mindestens vier Akteure aufeinander angewiesen:
- Automobilhersteller, die V2G-fähige Fahrzeuge bereitstellen,
- Ladeinfrastruktur-Hersteller (LIS), die bidirektionale Ladestationen liefern,
- V2G-Service-Anbieter wie Aggregatoren oder Energiemanager, wie The Mobility Houe Energy, die die Fahrzeugflotten intelligent steuern und vermarkten,
- Energielieferanten, die passende Tarife und Handelspfade ermöglichen.
Erst wenn dieses Zusammenspiel reibungslos funktioniert und die regulatorischen Rahmenbedingungen die Flexibilität der Fahrzeuge gewinnbringend erschließen lassen, kann V2G sein volles Potenzial entfalten und vom Nischendasein zum festen Bestandteil der Energiewende werden.
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